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Delia & Fay v.d. Schellenwiese

Vererbung und Genetik beim Border Collie

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Die äußerliche Vielfalt (Geno- und Phänotyp) der Border Collies ist nicht zufällig. Sie lässt sich auch wissenschaftlich erklären. Jede Eigenschaft, die ein Körper hat, kann man in Exterieurmerkmale, wie Größe oder Felllänge, oder in Interieurmerkmale, also Verhaltensmerkmale aufteilen. Die äußerlich sichtbaren, körperlichen Merkmale nennt man Phänotyp. In der Verhaltensgenetik spricht man neuerdings auch vom Verhaltens-Phänotyp. Dieser beinhaltet alle Verhaltensmerkmale. Alle diese Merkmale sind zu einem bestimmten Prozentsatz von der Vererbung bestimmt und zum Rest von der Umwelt bestimmt.

Ein Beispiel: "Ein Welpe einer großen Hunderasse hat die Anlage für Größe von seinen Eltern geerbt. Wird er allerdings fehlernährt, ist krank und verwurmt, kann es sein, daß er kleiner bleibt. Dies wäre dann der Umwelteinfluß."

hueteblick-0.jpgExterieurmerkmale wie Größe, Ohrenstand, Felllänge werden überwiegend von der Vererbung bestimmt. Hier liegt der erbliche Anteil (Heritabilitätskoeffizient) bei ca. 60 %. Das bedeutet, daß die züchterische Bearbeitung sehr einfach ist. Selektiert man auf bestimmte Fellfarben, wird man schon nach wenigen Generationen überwiegend Hunde dieser Fellfarben haben. Der Umwelteinfluß auf die Fellfarbe ist äußerst gering.

Interieurmerkmale (auch Verhaltensmerkma genannt) besitzen den so genannten schwankenden Heritabilitätskoeffizienten. Einzelne Verhaltensweisen sind hoch erblich. Hierzu gehören spezielle Verhaltensweisen wie zum Beispiel das Vorstehen von Jagdhunden. Das „Auge zeigen" von Border Collies gehört ebenfalls zu diesem Verhaltenskomplex. In wissenschaftlichen Studien wurde nachgewiesen, daß auch Ängstlichkeit, Aggressivität und Nervosität einen relativ hohen Heritabilitätkoeffizienten haben. Dieses Verhalten wird zu bis zu 50% von der erblichen Anlage bestimmt. Daher ist es von überragender Bedeutung für die Hundezucht, daß ängstliche oder aggressive Hunde nicht zur Zucht verwendet werden. Andernfalls verbreiten sich Temperamentsfehler ebenso schnell wie z.B. Hüftgelenksdysplasie (HD). Ebenso wie diese werden Verhaltenseigenschaften überwiegend durch mehrere Gene vererbt. Damit sind sie züchterisch später sehr schwer wieder zu tilgen.

Kompliziertere Verhaltensweisen wie Trainierbarkeit oder die Fähigkeit, Probleme zu lösen, haben eine wesentlich kleinere erbliche Grundlage. Dies hängt unter anderem damit zusammen, daß komplizierte Verhaltensweisen aus verschiedenen einfachen „Verhaltensbausteinen" zusammengesetzt sind. Jeder dieser „Bausteine" wird wieder von mehreren Genen beeinflusst. Je mehr Gene aber für die komplizieren Verhaltensweisen gebraucht werden, umso kleiner ist die Wahrscheinlichkeit, daß alle gleichzeitig an ein Tier vererbt werden.

Die hohe Variabilität der Rasse der Border Collie liegt darin begründet, dass sie keine stark ingezüchtete Rasse ist. Die Rasse entstand nicht aus 2-4 Stammhunden wie die meisten Hunderassen, sondern es wurde eine größere Hundepopulation langsam verändert. Daher ist trotz einer gewissen Stabilisierung der Rassemerkmale noch eine hohe Variabilität vorhanden. So ist es an der züchterischen Tagesordnung, daß auch aus zwei Arbeitschampions Welpen fallen können, die sich überhaupt nicht für Schafe interessieren.

Das zeigt, wie schwierig es ist, bestimmte Charaktereigenschaften zuverlässig zu erzüchten. Hat man dann eine Rasse mit bestimmten Charaktereigenschaften, muß man ständig die Nicht-Merkmalsträger aus der Zucht aussortieren, um die Eigenschaften der Rasse zu erhalten. Stellt man die Zucht dieser Spezialisten aber vom Verhalten auf das reine äußerliche Erscheinungsbild nach dem FCI Schönheitsstandard um, so muß sich die Rasse ganz zwangsläufig verändern.

Jedem ist einleuchtend, daß sich äußere Kennzeichen einer Rasse verändern, wenn man nicht mehr auf sie selektiert. Eine stehohrige Rasse bleibt nur stehohrig, wenn man die schlappohrigen Vertreter von der Zucht ausschließt.

Beim rein auf Verhalten gezüchteten Border Collie wird jedoch ganz selbstverständlich vorausgesetzt, daß das Hüteverhalten und der freundliche, lernwillige Charakter der gleiche bleibt, auch wenn man nur noch nach Exterieur züchtet. Dies ist allerdings ein eklatanter Trugschluß, der unter anderm dazu geführt hat, daß es so viele Border Collies mit übersteigertem Fehlverhalten gibt. Das Hüteverhalten des Border Collies besteht wie oben ausgeführt aus vielen Bausteinen. Wird nicht mehr auf die richtige Mischung geachtet, gehen manche Verhaltensweisen verloren, andere prägen sich dagegen übersteigert aus. Dies kann zwangsläufig zu unangepassten Verhaltensreaktionen im Alltag führen.

delia1.jpgDaher gilt: "Gute klassische Arbeitshunde sind nicht hyperaktiv!" Ein guter Arbeitshund muss ein gutes Temperament haben. Der heutzutage als typisch angesehene, hyperaktive Border Collie ist nicht unbedingt typisch für den klassischen Arbeits-Border Collie! Der ideale Arbeitshund vereinigt körperliche Ausdauer und blitzschnelle Reaktionen mit mentaler Stärke. Er muß Ruhe und Autorität am Vieh ausstrahlen können. Nervöse, hippelige Hunde sind zu nervenschwach und schwer zu trainieren.

Ein Verhaltensmerkmal, das auch in der Border Collie Zucht auf Standard immer noch stark vererbt wird, ist das Auge-zeigen, das rassetypische Anschleichen und Vorstehen. Dieses Fixieren wird auch häufig gegenüber anderen Hunden gezeigt. Dies ist nicht als normal zu betrachten, da Hunde Sozialpartner und keine potentielle Beute sind. Zwangsläufig führt dies zur Gegenwehr der Angestarrten, die sich zu Recht herausgefordert fühlen. Auch das Hüten von Kindern, Kinderwagen oder Joggern wird meist fehlinterpretiert. Der Border Collie will diese Menschen nicht „behüten", sondern er bejagt sie! Dieses Verhalten ist nicht „typisch für einen Hütehund" und muß unterbunden werden. Es handelt sich um ein stark selbstbelohnendes Verhalten, bei dem Glückshormone ausgeschüttet werden. Dies bringt den Border Collie dazu, das Anstarren und Hetzen immer und immer wieder bis zur Stereotypie auszuführen.

Ist der Hund irgendwann gar nicht mehr zu kontrollieren, beißt er die Kinder oder zerlegt das Mobiliar, heißt es dann: der Hund muß weg und zwar irgendwo hin, wo er Hüten kann. Es soll ja ein Arbeitshund sein, und wahrscheinlich fehle ihm nur die Arbeit.

Leider ist es aber inzwischen eher die Regel als die Ausnahme, daß diese Hunde für eine Ausbildung an Schafen nicht geeignet sind. Sie zeigen zwar noch Auge, haben aber meist keinen "cast", keinen "sheep sense" und sind vor allem kaum trainierbar. Sie sind nicht mehr so fanatisch auf die Hütearbeit, daß sie Korrekturen vom Ausbilder konstruktiv umsetzen würden. Läßt man sie nicht hetzen wie sie wollen, verlassen sie meist das Feld.

Die einmalige Begabung des Border Collies ist bei diesen Hunden nur noch in Überresten zu sehen. Diese Erfahrung machen alle Ausbilder von Border Collies. Ebenso fällt auf, daß auf Hüteseminaren im Vergleich zu vor 10 Jahren immer weniger begabte Hunde zu sehen sind. Viele Border Collies muß man locken, damit sie um die Schafe laufen. Welch ein Abstieg für den faszinierenden Spezialisten!

Quelle: "Quo Vadis Border Collie" Dr. Viola Hebeler, Arbeitsgemeinschaft Border Collie Deutschland e.V.

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